Mein Nachbar

Mein Nachbar, der Herr Semmler, beginnt mit seinen 80 Jahren auf einen Marathon zu trainieren. Nun trägt er nur noch enge schwarze Laufhosen, darüber eine rote kurze Hose mit Leuchtstreifen und einen pinken Kapuzenpulli, den er Hoody nennt. Er hat seine Ernährung umgestellt und kann jetzt als drahtig durchgehen. Bei unserem letzten Zusammentreffen schlug er mir freundschaftlich auf die Schulter und sagte aufmunternd: „Achtzig ist das neue Fünfzig, mein Freund!“ Seine einzige Sorge ist, dass der New-York-Marathon wegen der Pandemie abgesagt werden könnte.

Seither gehe ich rätselnd durch die Welt. Wie kann in anderen wohlbekannten Zusammenhängen, die uns seit einem Jahr im Griff haben, Hundert das neue Fünfunddreißig sein? Da stimmen weder Richtung noch Abstand. Und wird dann, wenn wir auf dem Höhepunkt der 3. Welle surfen, Zweihundert als das neue Fünfzig ausgegeben werden?

Oberlehrer  Sobotta, bei dem ich nicht nur die Grundrechnungsarten, sondern auch Kopfnüsse, Maulschellen und Tatzen (für die Jüngeren: Schläge mit dem Rohrstock auf die Finger) kennen gelernt habe, würde solchen Zählereien einen schmerzhaften Riegel vorschieben. Er rechnete nach Adam Riese und da war das Wort „neu“ nicht vorgesehen.