Eine schwierige Angelegenheit

Es ist das kleinste Sandkörnchen ein Wunder,

dessen Wesenheit man nicht ergründen kann. 

Adalbert Stifter

 

 

In der Nacht vom 25. zum 26. Januar 1868 stieg, wie es bei Emil Merker heißt, „zähnefletschend der von dem Dichter totgeschwiegene Dämon auf, zu beweisen, dass zuletzt er doch der Stärkere ist.“[1] Adalbert Stifter brachte sich in dieser Nacht mit dem Rasiermesser einen tiefen Schnitt an der Kehle bei. Sein Hausarzt, der sofort gerufen wurde, konnte zwar die Blutung stillen und die Wunde nähen, riet aber, den Stadtpfarrer zu verständigen, der die letzte Ölung vornahm.

Zwei Tage musste der Dichter noch leiden und mit ihm die anderen Hausbewohner, denn man hörte sein Röcheln und Stöhnen nicht nur, wenn man neugierig an der Tür lauschte, sondern auch in der unteren Wohnung.

Möglichen Komplikationen und der sensationslüsternen Presse kam der Hausarzt dadurch zuvor, dass er als letzte Krankheit auf dem Toten-Beschau-Zettel ein „Zehrfieber nach Leberverhärtung“ vermerkte. So konnte der gläubige Katholik Stifter in Ehren auf dem St.-Barbara-Friedhof in Linz begraben werden. Alle Schüler der Stadt folgten dem mit zwei Lorbeerkränzen geschmückten Sarg. Die örtliche Zeitung berichtete von großen Schneemassen, die unter heftigstem Gestöber fortwährend vom Himmel niederfielen und die den Sarg mit einem dichten weißen Kleide umhüllten.

Ein Jahr später wurde in Wien der Verein der Deutschen aus dem Böhmerwald gegründet. Er nahm sich vor, in der Heimat das Andenken des Dichters hoch und frisch zu halten. Das Präsidium des Vereins wollte Stifters Leiche in Linz wieder ausgraben lassen, um sie am Plöckenstein See zur letzten Ruhe zu betten. Je nach Durchwurmung – so der Fachausdruck der Begräbnisbranche – hätte die sterbliche Hülle wahrscheinlich noch einmal selbst einer Hülle bedurft, um den Transport auf einem Pferdefuhrwerk von Linz über den Geburtsort Oberplan und weiter nach Hirschbergen bis zum Seeufer durchzustehen. Ob diesem Zug wieder alle Linzer Schüler hätten folgen sollen ist nicht überliefert.

Der Verein beschloss nach einer Ortsbesichtigung, „den ganzen Hochwald zu des Dichters Grabstein, die Waldblumen zu seinem Totenkranz und die Seewand für immer und ewig zu seinem Denkmal werden zu lassen“.

Man begann für diese tiefe und schöne Idee Geld zu sammeln, denn ein solch ehrgeiziger Plan sprengte die Vereinskasse. Außerdem versicherte man sich der Unterstützung lokaler Schriftsteller, die zwar nicht so berühmt waren, aber von einem ähnlichen Grabmahl träumen mochten. Nach drei Jahren hatten die Initiatoren trotz größter Anstrengungen die nötigen Mittel nicht beisammen. Der Vierzeiler Eichendorffs:

                        Der Dichter kann nicht mit verarmen;

                        wenn alles um ihn her zerfällt,

                        hebt ihn ein göttliches Erbarmen –

                        der Dichter ist das Herz der Welt.

bezieht sich nicht auf die Bankkonten der Schriftsteller und ihre internationalen Finanztransaktionen. Sie haben gemeinhin kein Geld und die deutsche Landbevölkerung in Südböhmen hatte vielleicht für tiefe und schöne Ideen nichts übrig, vielleicht machte sie sich nichts aus Wunderorten für Dichter, vielleicht interessierte sie auch mehr die Unfehlbarkeit des Papstes, die in diesem Jahr verkündet wurde und sie nichts kostete.

 Vielleicht aber war sie einfach nur mit dem Überleben in dieser kargen Weltgegend beschäftigt und froh, wenn bei der Firmung der Kinder genügend Essen auf dem Tisch stand und jeder aus der Familie eine lange Hose und ein Paar Schuhe geliehen bekam.

Man gründete innerhalb des Vereins ein Komitee, das die schwierige Lage in regelmäßigen Abständen zu besprechen gezwungen wurde. Man dachte hin, man dachte her, man beriet sich, schrieb Protokolle, intrigierte, stellte sowohl Anträge als auch Gegenanträge und stritt, wie dies in richtigen Komitees zu sein pflegt. 1876 – also noch einmal vier Jahre später – meldete die „Linzer Zeitung“ ein Ergebnis all dieser Beratungen: Über die Errichtung eines Stifter-Denkmals an der Seewand des Plöckenstein Sees sei endgültig entschieden worden.

Eine fünfzehn Meter hohe Spitzsäule, vornehmer ausgedrückt ein Obelisk, sollte über dem Hochwald zu Ehren des toten Dichters emporragen. Mit der Planung beauftragt wurde der in Wien ansässige k.k. Professor und Oberbaurat Heinrich Ritter von Ferstl und die Ausführung sollte der Fürst Schwarzenberg´sche Heger und Steinhauer Adolf Placzek übernehmen.

Vier Helfer begleiteten Placzek  auf dem Weg von Hirschbergen hinauf zum Seeufer, im Gepäck Äxte, Hämmer, Haken, Hanfseile, Keile, Meißel und Sägen. Außerdem Proviant für jeweils eine Woche, vor allem Speck und Brot. Die Männer bauten am See eine Hütte, in der sie während der Bauarbeiten wohnten. Sie arbeiteten täglich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, stiegen jeden Tag den steilen Anstieg zum Bauplatz hinauf und gingen manchmal auf der anderen Seite des Plöckensteins nach Lackenhäuser zum Rosenberger Gut auf „einige Halbe bayerischen Bieres“, die auch der Dichter gerne in großen Mengen genossen hatte und die an seiner Leberverhärtung Schuld waren. Wer den Weg vom Plöckenstein See nach Lackenhäuser jemals gegangen ist, weiß nicht nur, dass der Hochwald heute in erbärmlichem Zustand ist, sondern auch, dass die Männer, ganz gleich wie viel sie getrunken hatten, wieder nüchtern waren, wenn sie zu ihrer Hütte zurückkamen.

Nach Abschluss der Arbeiten zahlte man einen für damalige Verhältnisse guten Verdienst. Trotzdem konnte der Zugewinn an Wohlstand nicht groß gewesen sein, denn noch vor Ende des Jahrhunderts wanderten zwei der Helfer, Johann Saumer und Josef Schröder, mit ihren Familien nach der Neuen Welt aus und galten damit für die Daheimgebliebenen als gestorben.

Im August 1877 – also elf Jahre nach Stifters Tod -  fand die Enthüllung des Denkmals unter Teilnahme von Wiener Prominenz und einer großen Menschenmenge statt. Nachdem eine böhmische Kapelle das Fest eröffnet hatte, wurde die Marktgemeinde Oberplan per Urkunde gezwungen die Schenkung des Denkmals anzunehmen. Außerdem wurde sie verpflichtet – so der Text der Urkunde – „für alle Zeiten auf das Bestehen dieses den Geburtsort des verewigten vaterländischen Dichters ehrende Denkmal ein wachsames Auge zu haben und für die Erhaltung stets Sorge zu tragen.“

Als der Obmann des Stifter–Denkmal–Komitees die Urkunde übergeben wollte, lehnten die Repräsentanten der Gemeinde dankend ab.

In der Geschichte des Marktfleckens Oberplan kann man nachlesen, dass in den mit Nadelholzreisig gedeckten Buden Erfrischungen jeder Art geboten wurden und das Bier in Strömen floss, die Feier aber nicht idyllisch verlief. Nach der Festrede kam es zu Streitereien unter den Gästen und zur Verhaftung des Vizepräsidenten des Vereins der Deutschen aus Südböhmen.

Adalbert Stifter, der Dichter, k.k. Hofrat, Ritter des kaiserlich österreichischen Franz Josef Ordens und Besitzer des Ritterkreuzes 1. Classe des großherzoglichen Sachsen-Weimar´schen Falken-Ordens, der zeitlebens nach Harmonie geradezu süchtig war, hätte zwar bei der Einweihung seines eigenen Denkmals bittere Tränen der Enttäuschung geweint, aber heute, hundertfünfzig Jahre nach seinem Tod, in einer Zeit globaler Kriege, wäre der Wunderort eine Pilgerstätte für Menschen, die wie er der Meinung sind, dass „die Welt an sich weder gut noch böse, weder schön noch hässlich ist, sondern durch den künstlerischen Schöpfungsakt jedes Mal neu geschaffen wird.“[2]


[1] „Die Dichter der Deutschen, Stifter“ von Emil Merker, Cotta´sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart

[2] ebd.