FACE THE DANGER

4  Die Witwe

 Eine Hotelangestellte kam auf Weber zu. Sie gab ihm eine Karte mit dem Namen Le Thuy Krack und einer Notiz auf der Rückseite, die er nicht lesen konnte. Sie ging mit ihm zu einer der Fahrradrikschas, die in großer Zahl vor dem Hotel auf Kundschaft warteten und sprach mit einem der Fahrer. Dann bedeutete sie Weber einzusteigen. Der Fahrer schob das Rad kurz an, sprang auf und reihte sich mit seinem Gast in den Verkehr ein.

 In diesem Augenblick wünschte sich Weber, der Mann würde ihn so lange fahren, bis er einschlief. Wenn er aufwachte, könnte alles nur ein schlechter Traum gewesen sein und er lag an der Copacabana zusammen mit dem jungen Mann aus dem Reisebüro und Tausenden von anderen Menschen, die Fußball spielten, schwammen, lachten, Picknick machten, sich in knappen Bikinis und Badehosen zur Schau stellten oder einfach in der Sonne vor sich hindösten und den Tag genossen. Auch Madagaskar hätte er inzwischen Hué vorgezogen, mit ein wenig Schweiß auf der Stirn an einem der vielen ´voll leeren´ Strände und dem leisen Rauschen der Brandung, das zu hören war, wenn sie kurz vor seinem Badetuch eine dunkle Linie im Sand hinterließ und das Wasser seine Füße benetzte. Leider schlief er nicht ein.

 Stattdessen hatte er das Gefühl, eine für seine Lungen zu heiße Luft einzuatmen. Nicht nur die Häuser strömten Hitze aus. Die ganze Stadt schien zu kochen. Nur als sie den Fluss überquerten, wurde die Temperatur für kurze Zeit etwas erträglicher. Die Menschen fuhren zu dritt und zu viert auf den zahllosen Motorrädern. Die meisten trugen Sonnenbrille und Mundschutz, gepunktet, kariert, in auffälligen Farben oder einfach nur klinisch weiß.

 Nach einer endlosen Fahrt hielten sie vor einem Gebäude mit glatten Fassaden und Messingschildern. Der Fahrer brachte ihn in ein Büro im zweiten Stock. Eine junge Frau unterbrach ihre Arbeit am Bildschirm, nahm die Karte in Empfang, zahlte den schweißüberströmten Rikschafahrer und verschwand. Weber wurde in ein angrenzendes Büro gebeten. Schon bevor sich die schmale Gestalt am Fenster umdrehte, wusste er, wen er vor sich hatte. Kracks Frau war noch genauso zerbrechlich und mädchenhaft wie damals bei der Hochzeit. Sie hatte die Karte in der Hand und rang offensichtlich um ihre Fassung.

 „Hello, I thought someone else …”

 „Sie können deutsch mit mir sprechen.“

 „Auch gut. Ich dachte, jemand anderer würde mir eine solche Nachricht überbringen. Einer seiner Geschäftspartner vielleicht.“

 „Es tut mir leid.“

 „Bitte bitte, bemühen Sie sich nicht. Sie müssen mich entschuldigen. Unser Wagen wird Sie zurück in die Stadt bringen.“

 „Danke. Wenn ich irgendwohin möchte, dann in mein Hotel und unter die Dusche“, antwortete Weber, obwohl er etwas anderes oder zumindest freundlicheres sagen wollte.

 „Umso besser, im Hotel haben Sie zunächst einmal Ihre Ruhe. Sie werden von den … wie sagt man? … ungewöhnlichen Vorkommnissen erschöpft sein.“

 Le Thuy Krack kam ein paar Schritte auf ihn zu, zögerte aber dann und blieb unschlüssig stehen. Weber dachte, für sie bin ich wahrscheinlich niemand anderes als einer der Saufkumpane ihres Mannes, der nun in einer für ihn äußerst misslichen Situation steckte. Was sollte sie ihm noch mit auf den Weg geben?

 Er hörte sich selbst mit heiserer Stimme sagen: „Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Es geht um Leben und Tod.“

 „Dann müssen Sie das Leben sein, den Toten haben wir schon.“

 Mit diesem Satz war die Audienz beendet. „Es tut mir leid, aber Kunden warten auf mich. Wo wohnen Sie?“

 „Green Hotel. Ich glaube die Straße heißt Le Loi, Nummer …“

 "Ich weiß, wo das Green Hotel ist. Ich lasse Sie heute Abend abholen.“

 Im Hotel wusch er sich die Haare, seifte den ganzen Körper ein, als könnte er die letzten Tage damit abwaschen. Er wünschte sich, im Wirbel über dem Gully würden die schillernden Öllachen vor dem indischen Stoffgeschäft und Kracks Blut zusammenfließen und in den Kanälen der Stadt verschwinden.

 „Orchideen brauchen Wärme, genau wie alte Männer.“

 Er sagte diesen Satz zu sich selbst, ohne Ironie, ohne zu wissen, wo er ihn her hatte, und ohne zu wissen, warum.

 Er hatte sich von Alina erpressen lassen, war schon mit einem unguten Gefühl aufgebrochen und nun peinigten ihn die Ereignisse der letzten Tage genauso wie früher in der Schule seine Prüfungen. Sie verfolgten ihn bis in die Träume und straften ihn mit Kälte, Übelkeit und Durchfall. Deswegen hatte ihn Onkel Eugen, bei dem er gelandet war, nachdem seine Eltern bei einem Autounfall zu Tode gekommen waren, in ein prächtiges Gefängnis aus grauem Stein mit Türmchen, Schießscharten und Gittern mit Lanzenspitzen gesteckt, das man Internat nannte. Zuchtanstalt wäre zutreffender gewesen.

 Als dies nicht die gewünschten Ergebnisse brachte, schleppte man ihn zu einem Arzt, der ihm Entspannungsübungen verordnete. Aber selbst dieses Training war in entscheidenden Situationen nicht hilfreich gewesen. Er wollte einfach nicht erwachsen werden. Deshalb verweigerte er jede Schulbildung und bemühte sich sogar eine Zeit lang nicht zu wachsen. In der Blütezeit seiner Pubertät, zwischen vierzehn und sechzehn, erreichte er beide Ziele vollständig. Vielleicht hing das alles mit dem Verlust der Eltern zusammen, aber keiner fragte ihn danach. Der einzige, der zu ihm hielt, war sein Freund Fliege. Er übernahm Hausaufgaben für ihn und, soweit es ihm mit seiner Legasthenie möglich war, schrieb er seine Schulaufgaben. Dafür bekam er von Weber jede Menge Schokolade. Der Onkel, ein weltfremder Bibliothekar, war verzweifelt.

 Weber versuchte es, wie in der Schulzeit, mit Entspannung, auf dem Bett liegend, mit flacher Atmung, konzentriert auf seine Mitte, das Sonnengeflecht seines Körpers. Ganz allmählich wurden tatsächlich zuerst die Arme warm und schwer und dann die Beine. Der Kopf wurde leicht, vor allem aber, und dies war das wichtigste, der Druck auf seiner Seele ließ nach. Er befand sich mitten in einem Wald auf einem See, dessen Wellen im nachlassenden Sturm ausliefen, dessen Gischt sich zunächst in einzelne Blasen auflöste und dann ganz verschwand und dessen Farben von einem unruhigen Grün übergingen in ein festes, tiefes Blau. Das Boot, in dem er auf dem Rücken lag, schaukelte ihn in einen traumlosen Schlaf. Zum ersten Mal seit Tagen erwachte er nach einigen Stunden leidlich erfrischt. Es war eine langsame Reise zurück ins Bewusstsein.

 Die Erholung ließ merklich nach, als er feststellen musste, Margret hatte sich noch immer nicht gemeldet. Pausen von ein, manchmal sogar zwei Wochen waren nicht ungewöhnlich und, wenn er ehrlich war, hatte er die Unterbrechungen ihrer Liebesballade durchaus genossen, war vergnügt in sein früheres Leben als Einsiedler zurückgekehrt und hatte sich intensiv seiner Berufung gewidmet. Beim Kunstziehen durften die Pausen nicht zu lange ausgedehnt werden. Man verlor nicht nur seine Fingerfertigkeit, sondern büßte auch die Beobachtungsgabe, das schnelle Erfassen einer Situation und die Entschlusskraft ein. Diese Tätigkeit fiel umso leichter, je mehr man auf der hohen Kante hatte. Unter Druck zu arbeiten führte irgendwann dazu, unverzeihliche Fehler zu machen.

 Derselbe Wagen, der Weber ins Hotel gebracht hatte, fuhr ihn am Abend in ein Restaurant auf der anderen Uferseite des Flusses. Diesmal bemerkte er die Trennscheibe zwischen Fahrer und Rücksitzen. Hätte er nicht gewusst, dass man erst nach Kilometern die Natur außerhalb dieser Stadt erreichen konnte, er hätte geglaubt, der Fahrer würde ihn direkt in ein ländliches Paradies bringen. Ein freundlicher Herr in dunklem Anzug öffnete die Wagentür, geleitete ihn zum Eingang und verneigte sich. Kleine Tische standen unter überhängenden Gärten und an einem dieser Tische begrüßte ihn Le Thuy Krack.

 Sie saßen sich eine Weile still und abwartend gegenüber. Weber studierte eine Speisekarte, die er nicht lesen konnte.

 „Ich musste lange nachdenken, woher ich Sie kenne. Es ist ja einige Jahre her, seit wir uns begegnet sind.“

 „Ziemlich genau zehn Jahre.“

 „Für mich ist es wie in einem anderen Leben.“ Sie zeigte ihm das Hochzeitsfoto von der Fraueninsel. „Sie waren der einzige, der einen dunklen Anzug trug.“

 Es stimmte. Er stach aus der Hochzeitsgesellschaft genauso hervor wie die fremdländische Prinzessin, obwohl er bescheiden am Rand stand und wie ein Konfirmand aussah.

 Sie sah ihn mit ihren dunklen Augen freundlich an. „Wir haben auf der Hochzeit ein paar Mal zusammen getanzt. Meinem Mann hat das nicht gefallen.“

 Ihr wehmütiger Gesichtsausdruck machte ihn verlegen.

 „Können Sie mir sagen, wie er gestorben ist?“

 Er machte es so kurz wie möglich. Es wäre ihm unangenehm gewesen, den Bericht mit Details auszuschmücken. Trotzdem merkte er, wie ihn das blutige Schauspiel noch einmal einholte. Er musste ein paar Mal schlucken. Sie hörte still zu und er hatte den Eindruck, als würde es sich bei ihrem Ehemann um einen Fremden handeln.

 „Er war ein lebensfroher Mensch, als wir hier ankamen, aber er ist in Vietnam nicht heimisch geworden. Er wollte nicht wieder in einer Bank arbeiten und das Geld anderer verwalten, sondern innerhalb kürzester Zeit Millionen scheffeln. Aber in Vietnam liegt das Geld nicht auf der Straße, auch wenn damals schon alle von Doi moi redeten.

 „Was ist Doi moi?

 „Entschuldigung. Doi moi bedeutet neuer Weg oder Erneuerung der Wirtschaft.

 Das Geld befindet sich in den Tresoren von wenigen reichen Familien. Irgendwann wollte Udo wieder nach Deutschland. Einer, den die Freunde Eldorado nennen, kann aber nicht mit leeren Händen zurückkommen und sagen, es hat nicht funktioniert. Da begann er zu trinken.“

 Sie goss Tee ein. Ihre schmalen Hände zitterten ein wenig.

 „Der Alkohol ist wie ein Strudel, der einen hinabzieht. Damals, als ich ihn kennen lernte, nach meiner Ausbildung, wollte ich einen Europäer. Unbedingt!“

 Der Ober kam und nahm die Bestellung auf. Obwohl er dem Gespräch nicht folgen konnte, hatte er den Eindruck, Le Thuy schien dem Personal bekannt zu sein. Er überließ die Speisenfolge Kracks Witwe.

 „In Thailand, wo ein Teil meiner Familie nach dem Krieg gelandet ist“, nahm sie das Gespräch wieder auf, nachdem der Ober den Tisch verlassen hatte, „vergleicht man die Frau mit den Hinterfüßen eines Elefanten, aber wenn der Kopf schon am Vormittag benebelt ist, werden die Hinterfüße lahm. Wir haben uns nach acht Jahren getrennt - und ich habe seine Schulden weiterhin bezahlt.“ Eldorado hatte tatsächlich einen Schatz gefunden, aber er war nicht in der Lage gewesen, ihn  zu erkennen.

 Die Erzählung von Kracks Witwe, die sich in den vergangenen Jahren unter Umständen oft gewünscht hatte, dass der Tod sie scheide, passte nicht zur Vorspeise und den verschiedenen weiteren Gängen, die aufgetragen wurden. Die Trauer der Prinzessin war vor Jahren verbraucht worden. Die Trauer über die Jahre, die sie mit dem Unglücklichen und später Widerwärtigen verbringen musste, die Monate, in denen sie hoffte, die ewigen Versprechungen, mit dem Trinken aufzuhören, würden wahr werden, die Tage, in denen sie sich mit dem Gedanken quälte, ihn mitsamt seiner Alkoholfahne zu verlassen, und die Nächte, die sie neben oder unter ihm durchstehen musste.

 „Wie sind Sie nach Europa gekommen?“

 Le Thuy lächelte zum ersten Mal an diesem Abend. „Ich? Ich bin in Deutschland geboren. Meine Eltern kamen ´76 oder ´77 als Boat People in den Chiemgau. Ich bin in einer Flüchtlingsunterkunft am Daxenberg aufgewachsen.“

 „Und dort haben Sie Eldorado kennen gelernt.“

 „Nein. Als das Haus abgerissen wurde zogen wir nach München. Meine Mutter arbeitete in einem vietnamesischen Restaurant von Verwandten und mein Vater kam bei einer Kette unter, die asiatische Lebensmittel lieferte. Udo habe ich erst in der Berufsschule getroffen. Mein Vater wollte, dass ich einen Beruf erlerne. Ich arbeitete in einem Reisebüro. Udo in einer Bank … bis er rausflog …“

 „Er hat immer erzählt, dass er gekündigt hat.“

 „Ja, er hat immer den großen Macker gegeben, der alles im Griff hat. Die Entscheidung nach Vietnam zu gehen, war mehr eine Flucht als ein Abenteuer.“ Sie fragte misstrauisch, „Was haben Sie mit dem Tod meines Mannes zu tun?“

 Sie sah ihrem Gegenüber offen und aufmerksam ins Gesicht. Weber erzählte die Geschichte von der Ermordung Steigenbergers und der Reise nach Hué.

 „Keine Traumreise.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern.

 Der Ober brachte einen stark nach Minze riechenden Nachtisch. Kleine Lampen wurden zwischen den Blüten entzündet. Das ständige Rauschen des Verkehrs wurde überlagert von Musik, durchzogen mit langen, wohl tönenden Klängen eines großen Gongs, und hätte er nicht Jasmintee getrunken, er hätte seinen beschwingten Zustand dem Alkohol zugeschrieben.

 „Ich wollte die Zahlungen an Krack schon lange einstellen. Er musste immer wieder Geld ins Ausland überweisen, ich glaube nach Italien, warten Sie … an den Gardasee … gibt es dort einen Ort, der so ähnlich heißt, wie Gardena?

 Er wusste es nicht, aber es würde sich herausfinden lassen.

  „… an einen … Freund?“

 „Wovon lebte Krack in Hué?“

 Kaum hatte er die Frage gestellt, kam sie ihm zudringlich vor und er schämte sich dafür. Unter Umständen aber brachte ihn das weiter.

 „Am Anfang arbeitete er im Geschäft eines Onkels. Exotische Früchte für Europa. Leider gab es dauernd Streit, weil die beiden Männer zu unterschiedlich waren. Dann eröffnete er über einen Strohmann einen Copyshop. Der Laden hatte ein Hinterzimmer. Mit der Zeit gab es dort alles, was heute leider auch Vietnam an Abschaum zu bieten hat.“

 Sie versuchte mühsam, sich zu beherrschen. Udo Nepomuk Krack, Gastwirtssohn aus Oberbayern war als Krimineller einem Verbrechen zum Opfer gefallen.

 „Und er machte Geschäfte mit der alten Heimat, wie alle, die hier gestrandet sind.“

 „Welche Geschäfte?“

 „Er hat nicht darüber geredet. Einmal im Monat flog er nach Bangkok. Manchmal auch öfter. Soviel ich weiß, hatte er einen Partner in München und einen in Wien. Warten Sie.“

 Sie holte das Hochzeitsfoto noch einmal aus ihrer Handtasche. Suchend glitt ihr Finger über Lederhosen, Haferlschuhe, Dirndlkleider, üppige Ausschnitte, Gamsbärte, Hosenträger und Schürzen.

 „Es waren diese beiden hier.“

 Ihm war, als würde ihn jemand mit der Taschenlampe blenden. Die Ober hatten von einem Moment zum anderen spöttische Fratzen über ihr Lächeln gezogen, genau wie in seinem Traum vor ein paar Tagen. Er glaubte, wenn sie in den nächsten Minuten ihre Köpfe aufgeblasen hätten, um sich in die Luft zu erheben, er hätte die Flucht ergriffen.

 Der eine, auf den sie zeigte, war der tote Axel Steigenberger, der andere war der Freund aus Wien, Besitzer eines Antiquitätenladens, dessen Name ihm nach all den Jahren entfallen war, vielleicht ebenfalls schon tot oder wie Weber gerade noch einmal davongekommen.

 „Sie waren unangenehme Gäste, wenn sie bei uns in Hué wohnten, zwei Nachtfalter, fett und gierig.“

 Beide waren nicht fett. Dieses Wort musste sich also auf ihr Verhalten in der Stadt beziehen, auf nächtlichen Touren zusammen mit Krack und die Abstecher in diverse Hinterzimmer mit besonderen Angeboten. Vorausgesetzt, man hatte das nötige Geld dafür.

 Vielleicht hatten beide Morde überhaupt nichts miteinander zu tun und die Frau, die Weber gegenübersaß und nun wie zufällig seine Hand berührte, hatte den Ehemann über den Jordan geschickt, um endlich ihre Ruhe zu haben und frei zu sein. Er rückte näher an den Tisch. Sie sah ihm mit einem Blick in die Augen, den er nicht deuten konnte.

 „Was wird die Polizei unternehmen?“ fragte er.

 „Die Polizei in Vietnam neigt nicht dazu bei einem Ausländer aus einem Unfall einen Mord zu machen. Außer jemand winkt mit einem Bündel Geldscheine. Es würde allerdings sowieso nicht bedeuten, dass der Mörder gefunden würde.“ Ihr Blick hatte sich nicht verändert.

 Nachforschungen anzustellen würde schwierig werden, dachte Weber. Er kannte weder die Stadt noch die Sprache. Ganz zu schweigen von dem Umfeld, in dem sich Krack dort bewegt hatte. Warum sollte ihm jemand Auskunft geben und wie sollte er eine solche auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen? Waren die vier Männer, mit denen Krack den Abend im Glaskasten verbracht hatte, an dem Mord beteiligt?

 „Eine Frage noch.“

 „Wir werden vom Personal beobachtet. Es ist besser wir gehen.“

 Er verlangte die Rechnung und, obwohl ihn Le Thuy einladen wollte, bestand er darauf den Betrag zu begleichen. Naiv wie er war, hoffte er, es würde ihm Glück bringen.

 Im Wagen drückte Kracks Witwe auf einen Knopf an der Rückenlehne des Fahrers. Die Trennscheibe wurde undurchsichtig, als hätte sich eine Jalousie vor das Glas geschoben. Er rückte auf ihre Seite, aber sie wich ihm aus.

 „In diesem Auto saß ich zwischen Steigenberger und Cwazek.“

 Nun war auch bei ihm der Name wieder da: Leopold oder Poldi Cwazek. Richtig, Poldi. Alina hatte mit ihm telefoniert, als sie bei ihm in der Wohnung war und um seine Hilfe gebeten hatte. Er hatte den Namen nicht richtig verstanden und ein „Oldie“ daraus gemacht.

 „Mein Mann saß hinter dem Lenkrad und beobachtete uns im Rückspiegel. Er hat mir nicht geholfen.“ Ihre Stimme wurde ganz leise. „Beide haben den Tod verdient. Und noch viel mehr! So groß können ihre Qualen gar nicht sein.“

 Sie hielt die Hand vors Gesicht und wischte die Tränen ab. Der Zauber des Abends war verflogen, das Wohlbefinden hatte sich aufgelöst und die Unruhe war in sein Innerstes zurückgekehrt.

 „Was machen Sie morgen?“ fragte sie, als sie am Hotel angekommen waren. Mit einem Taschentuch betupfte sie ihre Augen. Er hörte ihre Frage wie durch einen Vorhang.

 Diese Frage hätte er im Moment nicht einmal sich selbst beantworten können. Seine Aufgabe war es gewesen, von Krack etwas über den Mord an Steigenberger zu erfahren. Nun war Krack ebenfalls ermordet worden, bevor er eine einzige Frage stellen konnte. Ich hätte ihn, obwohl er  betrunken war, festnageln müssen, dachte Weber. Wenigstens noch zehn Minuten, vielleicht wäre etwas dabei heraus gekommen. Ein Hinweis auf den Verdacht, den er hatte. Wenn die Beiden mit Stoff handelten, dann war Fliege der geeignete Kurier. Er verfügte über gute Kontakte zu Kollegen am Flughafen und die Gefahr einer Kontrolle war äußerst gering.

 „Er war in letzter Zeit oft in Vietnam. Ich finde, zu oft ...“ , das waren Alinas Worte gewesen.

 Vielleicht übte Krack auf Axel Druck aus, weil er Schulden hatte, und dieser gab nach, weil seine geschiedene Frau ihn ausnahm, oder weil er ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Sohn hatte und ihm Geschenke machen wollte, oder weil, weil, weil ... Es gab viele gute Gründe krumme Geschäfte zu machen. Es gab sogar Menschen, die ohne einen Grund auf die schiefe Bahn gerieten. Was aber war mit Cwazek? Hatten sie sich zufällig hier getroffen? Warum hatte Alina mit ihm telefoniert? Er würde im Zimmer in Ruhe darüber nachdenken und dann entscheiden, was zu tun war.  

 „Ich würde Sie gerne wieder sehen“, sagte er unsicher. Er wollte sie in ihrer Lage nicht bedrängen.

 „Dann komme ich morgen um die Mittagszeit bei Ihnen im Hotel vorbei. Am Vormittag habe ich Termine, aber den Nachmittag kann ich frei nehmen.“

 Sie berührte zum Abschied noch einmal seine Hand.

 Weber sah dem Wagen nach und versuchte sich an seine Zimmernummer zu erinnern. Es gelang ihm nicht. Er war froh, dass der Portier seinen Schlüssel bereits in der Hand hatte und ihn über die Rezeption reichte, ohne den Blick von einem Bildschirm zu wenden, auf dem zwei Boxer mit Händen und Füßen versuchten, sich gegenseitig umzubringen. Auf dem Weg zum Lift überlegte er: Und wenn es doch ein Dreieck München, Hué, Wien gab und über Jahre irgendwelche Geschäfte abgewickelt wurden, die nun zwei Morde zur Folge hatten? Vielleicht ließ sich mit dieser Vermutung das Notizbuch entschlüsseln. Vielleicht war er einen Schritt weiter. Auf einer Mauer in seinem Viertel in München stand solange, bis ein Hausmeister mit einem Sandstrahlgerät anrückte:

 „Gestern standen wir noch vor dem Abgrund. Heute sind wir schon einen guten Schritt weiter!“ Er lachte in sich hinein und hätte ihn jemand gehört, er hätte ihn für verrückt gehalten.

 Auf seinem Stockwerk sah er eine Gestalt, die am Ende des Flurs verschwand. Er hörte noch schnelle Schritte. Angestrengt versuchte er zu lauschen, aber wenn man das Gehör auf Alarm stellt, hört man alles Mögliche: einen tropfenden Wasserhahn, die Klospülung, den immerwährenden Verkehr, eine weit entfernte Polizeisirene, einen Vogel im Garten. Und man hört sein eigenes Herzklopfen, das einen lähmt, weil man denkt, es könnte plötzlich von irgendjemand zum Stillstand gebracht werden. Er sperrte sein Zimmer auf und tastete ein paar Mal vergeblich nach dem Lichtschalter. Als es endlich hell wurde, war er so geblendet, dass er zunächst nichts sehen konnte.

 Nach ein paar Augenblicken war er tatsächlich einen Schritt weiter. Jemand hatte seinem Zimmer einen Besuch abgestattet. Seine Kleidung lag verstreut unter dem Fenster. Man hatte ihn also ausfindig gemacht. Sollte er sich in der Person auf dem Gang getäuscht haben? Vielleicht war der Unbekannte noch im Zimmer, lag jetzt womöglich unter dem Bett und wartete darauf, ihn mit einem Tranchiermesser auseinander zu nehmen und in seiner eigenen Reisetasche zu entsorgen. Oder der Feind entsicherte gerade eine großkalibrige Pistole, ausgerüstet mit einem Schalldämpfer. Der Schuss würde Weber mit einem leisen „Plopp“ mitsamt der Matratze vom Bett heben, sein Körper würde in eine letzte Spannung versetzt und die anschließende Stille würde dem Mörder zeigen, dass er sein Ziel nicht verfehlt hatte. Oder der Eindringling stand in der Dusche und lehnte mit einem Totschläger seelenruhig an den Kacheln.

 Das schwarze Notizbuch brannte in Webers Hosentasche. Sein Puls nahm Fahrt auf und eine Starre, die ihm schon wie seine eigene Leichenstarre vorkam, kroch von den Füßen seinen Körper hinauf. Selbst als gewiefter Kunstzieher, der durchaus den Kitzel liebte, hatte er in diesem Moment nichts mehr im Repertoire. Das Schreckliche, das beinahe passierte, war genauso schwer zu verkraften wie das, was tatsächlich passierte.