Der Jazzdirigent

„Der Jazzdirigent“ ist ein Stück über den Faschismus, ein Stück wider das Vergessen, das gerade Jugendlichen einen Zugang zu dieser Thematik vermittelt. In der Nichte haben sie eine Identifikationsfigur, die sie verstehen können, die in ihrem Alter ist, die ihre Sorgen und Probleme hat. Und wenn sie sich mit der Geschichte ihres Onkels auseinandersetzt, von ihr bewegt ist, dann zieht sie ihr Publikum mit in ihr Interesse hinein. (Mathias Lösch, Landestheater Schwaben, Memmingen)

Ausgezeichnet beim Memminger Autorenwettbewerb

Uraufführung 1999, zuletzt Fakstheater Augsburg 2025

Presse

Wolfgang Sréters Stück „Der Jazzdirigent“ war Vorlage für die erste Veranstaltung des ’Text & Ton-Labors’ im Foyer der Schauburg. In dem vom Bayerischen Rundfunk mitgeschnittenen ’Labor’ untersucht Leo Gmelch das Zusammenwirken von Musik und Literatur. Das aus ihm (Tuba), dem Komponisten, Thomas Zoller (Baritonsaxophon), Andreas Hinterseher (Akkordeon) und Sabine Zeininger (Sprache) bestehende Quartett hatte sich in kurzer Probenzeit allerdings über den werkstatthaften Improvisationscharakter weit hinausgearbeitet: Ein mal mehr, mal weniger dicht verwobenes Netz aus Klang und Text, Geräusch und Sprache entstand, in dem auch der Text in refrainartig wiederholte Sequenzen zerlegt wird und so mit der Musik verschmilzt (Abendzeitung)

Wenn im Theater erzählt wird, ist das bemerkenswert, denn eigentlich gehören erzählte Geschichten nicht auf Bühnen, sondern zwischen Buchdeckel oder in die gemütliche Runde. Besonders bemerkenswert ist es, wenn im Theater lebendig erzählt wird. Dem Stück „Der Jazzdirigent“ aus der Reihe der ’Epischen Versuche’ des ’Wu Wei Theaters Frankfurt’, das jetzt im Gallus Theater Premiere hatte, gelingt dieses Kunststück. (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Der Jazzdirigent“ bietet einen interessanten und neuen Ansatz zur Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus. Über die Musik zum Thema Nationalsozialismus! (Berliner Zeitung)

Textauszug

Jeden Sonntagmorgen, noch bevor die ersten Kirchgänger verschlafen durch die Allee schlurften, zog mein Onkel seinen weißen Anzug an, dazu ein schwarzes Hemd und eine weiße Fliege.

Sein Hut hatte ein fettiges Schweißband, denn er schmierte sich soviel Brillantine ins Haar, dass sein Kopf aussah wie ein Motorkolben. Er frisierte sich lange vor dem Spiegel. Immer wieder entsprach eine Strähne nicht seinen Vorstellungen. Am Ende schleckte er mit der Zunge beide Zeigefinger gleichzeitig ab und … (fährt mit den Fingern die Augenbrauen nach)

Zu jener Zeit, damals, war mein Onkel verliebt. Nicht in ein Mädchen, sondern in die Musik. Am verliebtesten war er in den Jazz, in den Swing der Bigbands: Chick-Webb Orchestra, Frank Trumbauerband, die Dorsey-Brothers, Fletcher Henderson und Benny Goodman. Er war überzeugt, er würde eines Tages in seinem weißen Anzug auf dem Budapester Hauptbahnhof einen Zug besteigen und nach Hamburg fahren, um sich nach New York einzuschiffen, im Gepäck nichts anderes als einen ausziehbaren Taktstock, und drüben, über dem großen Wasser, dem Atlantischen Ozean, würden so viele Musiker auf ihn warten, dass sie die Zufahrt zur Landungsbrücke verstopften.

Zu jener Zeit, damals, war mein Onkel jung. Und er war ungeduldig.
Er sagte sich: Und wenn es nur drei (oder vier) Musiker sind, die mich im Hafen von New York begrüßen, ich werde schon beim Aussteigen … (beginnt zu dirigieren), auf der Landungsbrücke, am Quay … (dirigiert heftiger) und in der Menge …

Natürlich erschien in seinen Träumen immer ein ganzes Orchester:
In der ersten Reihe sitzend die Saxophonisten, in der zweiten die Posaunisten oder Trombones, wie er sie nannte, dahinter, stehend die Trompeter und links daneben die Rhythmusgruppe, Piano, Bass und Schlagzeug.

Aber er war nicht nur jung und ungeduldig, er war auch ehrgeizig. Er sah sich auf den Schultern seiner begeisterten Anhänger in einem Meer von Applaus schwimmen, und er sah sich in den Schaufenstern dieser Stadt, verschwitzt und glücklich.

Übersetzt ins Englische, Tschechische, Polnische und Ungarische.